Bernd Babisch

War sie schön, die Schule?

Erinnerung an meine Schulzeit in der Friedrich-Junge-Schule (Herbst 1951 – Ostern 1956)

Die Friedrich-Junge-Schule (Grundschulzweig) lernte ich im Herbst 1951 kennen. Ich gehörte zu den Schülern, die damals als erste, aus anderen Schulen kommend, die gerade fertig gestellten Klassenräume dieser in neuer Form erbauten Zeilenschule in "ihren Besitz" nehmen durften.

Es war sehr aufregend und zugleich unwirklich für mich. Bis dahin hatte ich von der Geibelallee, wo ich mit meinen Eltern wohnte, immer meinen Schulweg zwischen ca. 8 Meter hohen Trümmern, die auf beiden Seiten entlang der Wörthstraße lagen, zur Sternschule nehmen müssen. Und nun führte mich mein Schulweg durch die Nietzschestraße an heilen Häusern und schönen Vorgärten vorbei. Diese Veränderung und der Garten vor meinem neuen Klassenzimmer hat mich damals sehr beeindruckt. Den Garten hat unsere Klassengemeinschaft selbst gepflegt und manchmal, bei schönem Wetter, wurde der Unterricht dort im Freien abgehalten.

Der Name dieser neuen Schule war bis zuletzt wohl strittig gewesen und wir nannten sie darum zunächst LANGENBECKSCHULE. Ich erinnere mich, dass dieser Name noch eine ganze Zeit lang von uns benutzt wurde, auch nachdem sie kurz vor unserer Umschulung nach Friedrich Junge benannt worden war.

Als ich an meinem ersten Schultag die Statue des Schäfers vor dem Eingang der Schule passierte, arbeitete noch der Steinmetz mit Fäustel und Eisen daran. Er wurde erst einige Tage nach unserer Einschulung fertig. Wir Schüler waren eigentlich nicht damit einverstanden, dass der Schäfer die Lehrer und die Schafe die Schüler symbolisierten. Ich erinnere mich aber, dass diese Gedanken über "Schüler als Schafe" mehr scherzhaft diskutiert wurde. Wir waren doch froh und dankbar, nach all den Jahren des Unterrichts in teilweise behelfsmäßigen Schulgebäuden, eine so schöne neue Schule beziehen zu können.

Wir sammelten uns auf dem Schulhof, nahe einer der frisch angepflanzten Bauminseln. Der Schulhof war noch nicht mit einer Asphaltdecke versehen. Auf der Umrandung der Bauminsel stehend rief uns ein Lehrer (oder die Schreibkraft der Schule) klassenweise auf. Dann begaben wir uns mit dem (der) neuen Klassenlehrer(in) – bei mir war es Frau Erichsen - in unseren Klassenraum. Total ungewohnt und neu war für mich, dass unsere Klassengemeinschaft aus Jungen und Mädchen bestand. Bis dahin hatte ich nur reine Jungenschulen kennen gelernt. Lediglich in der Dorfschule in Eisen (heute Gemeinde Nohfelden/Saar = Geburtsort meiner Mutter), wo wir in freiwilliger Evakuierung die Kriegszeit verbracht hatten, saßen im Herbst 1945 Jungen (rechts) und Mädchen (links) in einem Klassenraum zusammen und zusätzlich noch klassenweise hintereinander. - Es hat dann auch nicht lange gedauert und ich erhielt zum ersten Mal Prügel von einer dieser neuen Klassenkameradinnen, was mich auf recht drastische Weise davon überzeugte, dass Jungen und Mädchen wohl doch "gleicher" waren, als bis dahin von mir angenommen!

Auch den neuen Rektor der Schule, Herrn Langlotz, lernte ich in diesem Halbjahr kennen. Er wirkte auf mich sehr streng und ich habe ihn fast nie mit lachendem Gesicht gesehen. Wir hatten großen Respekt vor ihm. Erst viel später – Jahre später - habe ich erkannt, dass er ein sehr gütiger Mensch war.

Schon nach einigen Wochen nahm ich an einer Prüfung für den Besuch einer Mittelschule – wie wir damals die Realschule nannten – teil. Ich gehörte zu dem letzten Jahrgang, der diese Prüfung in der 6. Grundschulklasse ablegte. Später wurde dieser Schulwechsel nach der 4. Grundschulklasse vorgenommen. Ich bestand diese Prüfung und musste die FJS schon nach einem halben Jahr wieder verlassen. Meine neue Schule wurde die schon wieder aufgebaute Goetheschule am Westring (auch eine Zeilenschule), die durch Bombentreffer im Krieg total zerstört gewesen war.

Das heutige Gebäude der FJRS war noch nicht fertig. Im Jahre 1951 existierte erst der Keller des Hochbaus, der oben nur die Betonschüttung für den Boden des nächsten Stockwerks hatte und somit sehr witterungsanfällig war. Dieser Kellerbau war unbedingt notwendig gewesen, weil die Heizungsanlage für die ganze Schule (also auch die in der Planung befindlichen Gebäude) dort installiert war. Vermutlich aus finanziellen Gründen ruhte der Neubau aber während meines Winterschuljahres 1951/1952, was der Bausubstanz gewiss nicht gut getan hat. Der Sportplatz war (oder wurde gerade) fertig. Der Bereich der Turnhalle und Aula war noch Gartengelände mit einem kleinen Tümpel darin, in dem wir nach der Schule oft Molche angelten, die wir dann in Weckgläsern zu Hause wie in einem Aquarium gehalten haben.

Der Keller des späteren Hochbaus war der Arbeitsbereich des Hausmeisters. Ich habe seinen Namen leider vergessen. Es war ein kleiner, sehr freundlicher Mann, der mit seiner Familie in der Hausmeisterwohnung oberhalb des Haupteingangs wohnte und sehr glücklich über diese Neubauwohnung war. Neuer Wohnraum war 1951 noch selten zu haben. Morgens, wenn wir zur Schule kamen, saß er in der Hausmeisterloge unterhalb seiner Wohnung im Eingangsbereich der Zeilen und war jederzeit für uns ansprechbar. Im Keller des späteren Hochbaus verkaufte er in den Pausen für wenige Pfennige Milch- und Kakaogetränke an die Schüler. Das war etwas ganz besonderes. Ich kannte bis dahin nur die Schulspeisungen aus meiner Zeit in der Sternschule, als wir aus Spendengeldern – hauptsächlich den USA und der Schweiz – eine Blechkumme voll warmen Essens erhielten. Diese Schulspeisung war 1946 oft mehrere Tage hintereinander das einzige Essen, das meine Mutter, mein Bruder und ich zum Essen hatten.

Es gab da noch eine Besonderheit in unserer Klassengemeinschaft in der FJS, an die ich mich noch sehr deutlich erinnere und die für heutige Schüler sicher fremd ist:

Ich hatten viele Klassenkameraden, die Halbwaisen und einige, die Vollwaisen waren, weil der Vater – oder auch die Eltern – im Krieg umgekommen waren. Außerdem hatte ich viel Flüchtlingskinder als Mitschüler, die mit ihren Familien in den Flüchtlingslagern – die 1951 noch immer bestanden – wohnen mussten. Etliche Schülerinnen und Schüler waren auch dabei, deren Väter noch immer in Gefangenschaft waren. Viele Väter waren auch noch vermisst und wurden erst später amtlich für tot erklärt.

Bis zum Spätsommer 1953 besuchte ich die Goetheschule (Realschulzweig). In dieser Zeit wurde an dem Hochbau der FJS gearbeitet. Im Sommer oder Spätsommer 1953 wurde das Gebäude dann bezugsfertig.

Wieder stand für mich eine Umschulung an. Diesmal aber wurde unser ganzer Klassenverband, egal in welchem Schuleinzugsbereich wir wohnten, in die FJS umgeschult. So sind damals viele Schüler, die eigentlich im Einzugsbereich der Goetheschule wohnten, in die FJS gekommen und dort bis zur Reifeprüfung geblieben.

Ich erinnere mich, dass sich die Schüler zweier Klassen mit ihren Klassenlehrern, Frau Rössler und Herrn Sievers, am Morgen des sonnigen Umzugstages auf dem Schulhof der Goetheschule trafen. Dann sind wir geschlossen entlang des Westrings, Geibelplatz, Geibelallee, Kronshagener Weg, Nietzschestraße und Langenbeckstraße zu der neuen - und meiner "alten" - FJS gelaufen, wo wir dann im gerade fertig gestellten Hochbau unseren ersten Unterricht erhielten.

Außer uns Achtklässlern wurde zu dieser Zeit noch ein ein Jahr älterer Jahrgang, bestehend aus einer Klasse umgeschult. In dieser Klasse befand sich nur ein einziges Mädchen. Ich fürchte, das war eine schwierige Situation für sie. Aber ich nehme an, sie hat sich durchgebissen! - Ob noch weitere gleich alte und auch noch jüngere Jahrgänge umgeschult wurden, erinnere ich nicht mehr.

Es war für mich – für uns - wieder eine Umgewöhnung. Unsere Klassenlehrerin Frau Rössler, die wir nach zwei Schuljahren in der Goetheschule sehr verehrten, wurde nach Ende des Schuljahres 1953/54 vom Schulamt an eine andere Schule versetzt. Fast die ganze Klassengemeinschaft, einschließlich der Eltern, lehnten sich gegen diese Versetzung auf. Da das Schulamt natürlich bei seiner Entscheidung blieb, entlud sich unser Unmut und Frust bei unserer neuen Klassenlehrerin. - Unglücklicherweise waren wir damals noch so unvernünftig und lebensunerfahren, dass wir das ganze Schuljahr hindurch rebellierten. Das hat nicht nur die Nerven von Frau Esau strapaziert, sondern auch unsere eigenen Leistungen sicher nicht so vorangebracht, wie es möglich gewesen wäre.

In der Folge hat Rektor Langlotz unsere Klassengemeinschaft nach dem Motto "teile und herrsche" auf die neu gebildeten vier M10-Klassen verteilt und stark verkleinert. Ich habe erst im letzten Schuljahr in einer Klassengemeinschaft mit nur 24 Schülern Unterricht erhalten. Bis dahin waren immer mindestens 35 bis 40 - Ende 1945 in der Dorfschule in Eisen und 1946 in Kiel in der Sternschule - sogar über 65 Schüler in meiner Klasse gewesen.

Soweit ich mich erinnern kann, wurde im Jahr 1955 – kurz vor der Entlassung der ersten M10 - das erste Schulfest mit Beteiligung der Realschule abgehalten. Ob zwischen 1952 und 1955 ein Schulfest der FJS-Grundschule stattgefunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Fest fand wegen des Fehlens von Räumlichkeiten im Ballhaus EICHHOF, heute bekannt als das MAX, statt. Es war praktisch die Abschiedsfeier für die erste M10-Abgangsklasse 1955. Viel vom Ablauf ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Alles was auf der Bühne von jüngeren Klassen vorgetragen wurde, ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Aber dass die Abgangsschüler auf der Empore gegenüber der Bühne ein "wenig" laut wurden und Herr Langlotz unten im Saal aufstand und mit einem kurzen Satz – es waren höchstens 3, 4 oder 5 Worte – eine absolute Stille erzeugte, erinnere ich noch recht gut. Auch die ersten geschickten Rock ´n Roll-Tänzer aus dieser Abgangsklasse, beobachtete ich damals mit aufrichtiger Bewunderung auf der Tanzfläche des Ballsaals.

Die Klassenfahrt im 9. Schuljahr ging für meine M9 (mit der Klassenlehrerin Frau Esau) in die Jugendherberge Möwenberg nach List auf Sylt. Es waren herrliche Tage dort in den Dünen. Auch die M10 (Abgangsklasse 1955) hatte einige Tage vor uns ihre letzte Klassenfahrt dort verbracht.

Meine letzte Klassenfahrt mit der M10d (Abgangsklasse 1956) und unserem Klassenlehrer Herrn Sievers führte mich dann im Sommer 1955 in den Harz, in die Jugendherberge von Bad Lauterberg. Etliche Fotos, die Herr Sievers von uns damals machte, halten die Erinnerung an diese schöne Fahrt bis heute wach.

Ich habe während meiner Realschulzeit an der FJS freiwillig am sogenannten Ostkundeunterricht teilgenommen, den Rektor Langlotz Sonnabends, nach dem regulären Schulunterricht abhielt. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, in welchem Schuljahr dieser Unterricht stattfand. Es dürfte aber wohl in der Abschlußklasse gewesen sein. Man sprach damals davon, dass Herr Langlotz zum Schulamt zitiert worden war, weil er im regulären Unterricht auch die verlorenen Gebiete jenseits von Oder und Neiße behandelt hatte bzw. hatte behandeln lassen. Das verstieß damals gegen eine Anordnung der britischen Besatzungsmacht. Die noch junge Bundesrepublik Deutschland stand nach dem verlorenen Krieg ja noch immer unter Besatzungsrecht und musste eine ganze Reihe solcher Dekrete der alliierten Besatzungstruppen beachten. In diesem Falle scheint offenbar irgend ein Elternteil mit diesem Unterricht nicht einverstanden gewesen zu sein und hat eine offizielle Dienststelle davon unterrichtet. Mit dem dann auf freiwilliger Basis abgehaltenen Unterricht, den Herr Langlotz dann persönlich abhielt, umging er diese Bestimmung und trug das Risiko einer möglichen Disziplinierung selbst. Auf diese Weise erlangte aber eine kleine Minderheit von uns etwas mehr Hintergrundwissen über Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine sehr peinliche Geschichtsunterrichtsstunde mit Herrn Langlotz, der im letzten Schuljahr mein Geschichtslehrer war. Er hat am Beginn dieses letzten Schuljahres alle vier M10-Klassen in einem Klassenraum versammelt und stellte uns die Frage nach der Teilung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Er versuchte mehr als eine halbe Stunde lang irgendwelche Fakten aus uns herauszuholen, aber es blieb totenstill im Klassenraum.

Es war eine peinliche Stille, aber Herr Langlotz ließ nicht locker!

Ich hatte 1946/1947 in der Sternschule einen Klassenlehrer gehabt, der aus Pillau/Ostpreußen oder aus Tilsit/Memelland geflüchtet war. Dieser Lehrer, Herr Borm, hatte mit uns statt des Deutschunterrichts die Ergebnisse der Konferenzen von Jalta und Potzdamm besprochen. Wir waren als Zweitklässler eigentlich noch zu unreif für diese Frage gewesen, aber Zusammenhänge – meist ohne Daten – sind mir mein Leben lang immer sehr gut in Erinnerung geblieben. Als die Peinlichkeit in dieser Stunde mit Herrn Langlotz für mich unerträglich geworden war, wagte ich, meine Hand zu heben und das damals von Herrn Borm erworbene Wissen preiszugeben. Dass ich damit Herrn Langlotz derart beeindrucken würde, dass ich am Ende des Schuljahres (einschließlich einer mündlichen Prüfung während der Reifeprüfung) eine ziemlich gute Note in Geschichte erhalten würde, habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht geahnt. Vor allem war ich überrascht, dass alles was ich zu dieser peinlichen Geschichtsstunde beitrug, auch stimmte, von Herrn Langlotz akzeptiert und mit eigenen Ergänzungen vertieft wurde. Mir ist in dieser Stunde klar geworden, dass Geschichte ein Fach war, das mir lag. - Aber: Ich hatte nur noch ein Schuljahr Zeit, das auch zu nutzen!

Der Geschichtsunterricht war für unsere Lehrer damals ganz offensichtlich ein schwieriges Unterrichtsfach. Ich habe erst Jahre später während der Ausbildung zum Polizeibeamten verstanden warum: Im Jahre 1936 wurden durch ein sogenanntes Gesetz "Zur Reinerhaltung des deutschen Beamtentums" parteipolitisch gebundene (SPD, KPD, Gewerkschaften usw. - natürlich auch aus rassistischen Gründen) Beamte – vor allem Lehrer und Polizeibeamte - aus dem Staatsdienst entlassen. Somit waren alle Lehrer, die ich gleich nach dem Krieg im Unterricht kennen lernte, entweder zu 100 % Anhänger der Nationalsozialisten gewesen oder aber (in ihrer Mehrzahl wohl) Menschen, die aus Furcht für sich und ihre Familien zu allem geschwiegen hatten. - Was durch dieses Gesetz ja wohl auch beabsichtigt gewesen war! - Von diesen Lehrern unterrichtete natürlich keiner gern über die Zeit von 1933 bis 1945. So fand in meiner Generation ein Unterricht über diese Jahre praktisch nicht statt! - Die ersten zaghaften, sehr zaghaften Anfänge habe ich im Unterricht von Herrn Langlotz im letzten Schuljahr erlebt und erst durch ehemalige KZ-Häftlinge während meiner Lehrzeit bei HDW Kiel und von gewerkschaftlich orientierten Polizeilehrern während meiner Ausbildung zum Polizeibeamten in Eutin ausführliche Kenntnisse darüber erlangt. - Wobei auch in der Polizeischule in Eutin sehr darauf geachtet wurde, dass man nicht in den Verdacht kam, ein sogenannter "Nestbeschmutzer" zu sein. Diese Beschimpfung habe ich häufig hinnehmen müssen!

Auch am Hauswirtschaftsunterricht habe ich freiwillig im 10. Schuljahr teilgenommen. Da die Anzahl der Mädchen in unserer Klasse kleiner als die vorhandenen Plätze in der schönen neuen Schulküche war, wurden Freiwillige gesucht, die die freien Plätze auffüllten. Der eigentliche Grund den Frau Hildebrandt dabei aber im Auge hatte, war der finanzielle Teil dieses Unterrichts. Die Lebensmittel, die wir zum Kochen brauchten mussten ja von uns bezahlt werden. Da machte es sich für die einzelnen Schüler schon bemerkbar, ob 6 oder 8 Schüler mehr oder weniger in der Gruppe waren. Von Gehälter oder Sozialleistungen des Staates, wie wir sie heute kennen, hat damals keiner zu träumen gewagt! - Tatsächlich haben wir Jungen meist die "niederen" Arbeiten verrichtet, am Ende des Unterrichts jedoch, beim Aufessen der "Kunstwerke" unseren Teil immer abbekommen. Ich erinnere mich aber auch, dass ich Sonntags zu Hause oft die erlernten Nachtische für meine Familie zubereitet habe. Die Bemühungen der Hauswirtschaftslehrerin, Frau Hildebrandt, sind also bei mir nicht ganz umsonst gewesen!

Als ich im Jahre 2002 den Haushalt meiner verstorbenen Mutter auflöste, fiel mir eine hölzerne Schale in die Hände, die mir bekannt vorkam. Ich drehte sie um und sah die Aufschrift: "Babisch, M10d". - Sofort erinnerte ich mich an den Werklehrer Herrn Baron (Er wollte, dass sein Name "Baaron" ausgesprochen wurde, damit es zu keinen Verwechslungen mit dem Adelstitel kam!). Herr Baron war unverheiratet und wohnte möbliert zur Untermiete in der Geibeallee 21, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Zuhause. Er war Zigarrenraucher, wie ich mich erinnere. Nachdem ich nach meiner Schulzeit ein Handwerk erlernt habe, weiß ich jetzt auch, warum die Note, die ich für mein Machwerk erhalten habe, nur zwischen einer "3" und einer "4" gelegen hat. Ich bin darum Herrn Baron für diese schlechte Benotung heute nicht mehr böse!

An die "Aufpasser", die wir vor jeder neuen Schulstunde an der Klassentür stehen hatte, um im Klassenraum nicht bei allerlei Unsinn vom nächsten Lehrer überrascht zu werden, erinnere ich mich auch noch mit einigem Schmunzeln. "Er kommt!" oder "Sie kommt!", war der übliche Ausruf. Manchmal kam der Aufpasser auch wortlos ins Klassenzimmer gestürmt. Dann wussten wir, dass er seine Aufgabe nicht richtig wahrgenommen hatte, so dass der Lehrer ihm dicht auf den Fersen war und natürlich den üblichen Warnruf nicht hören sollte.

Auch an die Pausen bei schlechtem Wetter auf den Zeilengängen erinnere ich mich, weil wir dort dicht zusammenstehend etlichen Unsinn "verzapft" haben. Die vorbeifliegenden Möwen erhielten so manchen Brocken des Pausenbrotes zum Fraß. Da im Bereich hinter dem Hochbau inzwischen die ersten Autos der Lehrer abgestellt waren, war der Ärger mit ihnen natürlich vorprogrammiert, weil die Möwen ja nicht nur fressen!

Das "Schultaschenwerfen" ist auch so eine Sache, an die ich mich gut erinnern kann, weil ich wiederholt davon betroffen war. Wer nicht auf seine Tasche aufpasste, sah sie irgendwann unten auf dem Parkplatz liegen. Ging man nun den langen Weg übers Treppenhaus hinunter, um sie zu holen, hatte sich ein Klassenkamerad inzwischen am Geländer haltend auf den Parkplatz herabgelassen und die Tasche befand sich nun wieder oben in den Händen der schadenfroh grinsende Mitschüler. - Das Spiel begann von vorn! - Es war besser die Tasche unten liegen zu lassen und sie erst zu holen, wenn der Lehrer kam, dem man dann den Umstand erklären konnte. So hatte man auch die Chance, dass es für die Mitschüler uninteressant wurde, die Schultasche nach unten zu werfen, weil die erwünschte Reaktion bei dem "Opfer" ausblieb.

Das 10. Schuljahr brachte für mich persönlich aber noch etwas ganz Neues:

Nach einigen Wochen bemerkte ich plötzlich, dass ich mit Freude zur Schule ging. Dieses Gefühl kannte ich bis dahin nicht! - Ich weiß bis heute nicht, was diesen Umschwung in meiner persönlichen Einstellung zum Schulunterricht ausgemacht hat. Es kann sein, dass der Wegfall der Unruhe durch die ständigen Umschulungen der Grund dafür war. Oder aber ich war in meiner persönlichen Entwicklung erwachsener geworden. - Oder beides! - Jedenfalls brachte mir das letzte Schuljahr diese Freude am Schulunterricht, so dass ich dann zu Ostern 1956 mit großem Bedauern meine nicht immer erfreuliche schulische Laufbahn beendete. Zusammen mit den übrigen Klassenkameraden der M10a bis M10d stand ich Ostern 1956 im Musikraum – die Aula existierte ja noch nicht –, um mich nach dem Empfang des Reifezeugnisses von den Lehrern und den Klassenkameraden zu verabschieden. Ich weiß noch, dass wir sehr ausgelassen waren. Offensichtlich hat an diesem Tag kaum jemand von uns an den neuen, viel ernsteren Lebensabschnitt gedacht. - Jedenfalls habe ich nicht daran gedacht! - Als ich Herrn Pollex, dem Klassenlehrer der M10b, lachend die Hand reichte und ihn anschaute, sah ich in sein tränenüberströmtes Gesicht. - Ich bin während meiner ganzen Schulzeit nicht auf den Gedanken gekommen, dass die Lehrer mich mögen und beim Abschied traurig sein könnten! Ich habe durch diese Ergriffenheit beim Abschiednehmen erst verstanden, dass ich nun aus einem unbeschwerten, fröhlichen Teil meines Lebens in eine wesentlich rauere Zukunft gehen würde.

"Schön war sie doch, die Schule". Dieses Buch habe ich als Jugendlicher mit viel Vergnügen gelesen und kann heute mit fast 66 Lebensjahren sagen: Es stimmt! - Es war eine schöne Zeit, die ich in der Friedrich-Junge-Schule erleben durfte! - Es war der Übergang von Hunger, Not und menschlichem Leid der Kriegs- und Nachkriegszeit in ein normales Schüler- und Kinderleben. Die Schüler von heute - und inzwischen auch ihre Eltern – können sich solche Lebensumstände sicher kaum richtig vorstellen. -

Glücklicherweise nicht!

Bernd Babisch


Home Geschichte