Dr. Wilfried Lagler (Tübingen / Mössingen)

Erinnerungen an meine Schulzeit an der Friedrich-Junge-Schule in Kiel

(Teil 1: 1960-1964, Grundschulzeit)

Am 26. April 1960 wurde ich in die nahe gelegene Friedrich-Junge-Schule (Volksschule) eingeschult. Zu dieser Zeit begann das Schuljahr noch nach den Osterferien, daher nannte man die Schultüte der Erstklässler zuweilen auch "Ostertüte".

Einschulung von Wilfried Lagler, Ostern 1960

Zwischenzeugnisse gab es Ende September vor den Herbstferien - die hier und da noch als "Kartoffelferien" bezeichnet wurden, Hinweis auf die Zeit, in der die Schulkinder auf dem Land bei der Kartoffelernte helfen mussten. Übrigens fand auch am Sonnabend regulärer Schulunterricht statt Am Tag der Einschulung trug ich die Kleidung, die mir Tante "Liede" aus den USA bei ihrem Besuch vor einem Jahr in Kiel geschenkt hatte. Das Einschulungsphoto machte ein Photograph vor der schönen Muschelkalk-Skulptur des Schäfers von Alwin Blaue (1896-1958), die seit 1953 vor dem Schuleingang in der Langenbeckstraße steht. Während der ersten Schuljahre trugen die Schüler einen Lederranzen; erst in höheren Klassen wechselten wir - zum Zeichen, das wir allmählich "erwachsen" wurden - zu Aktentaschen. Anders als viele Kinder heute war ich nicht durch den Besuch eines Kindergartens auf die Schule vorbereitet. Obwohl mir Mama erklärt hatte, worum es ging, war für mich das Miteinander in einer großen Schar von Kindern etwas ganz Neues. Dennoch ging in meinem Fall die Einschulung ganz ohne Probleme ab. Doch es gab ein Mädchen in meiner Klasse, das plötzlich mitten in einer Schulstunde aufstand und hinausging. Von der Lehrerin nach dem Grund befragt, äußerte sie, sie wolle oder müsse jetzt nach Hause gehen. Als die Lehrerin sie davon abbringen wollte, gab es ein großes Geschrei und die Mutter musste benachrichtigt werden. Anfangs konnte ich mir noch nicht allein die Schnürsenkel zubinden und bat deshalb nach der Turnstunde einen Klassenkameraden um Hilfe. Sehr angenehm war für mich und meine Geschwister der kurze Schulweg, der nur fünf bis zehn Minuten beanspruchte. Viele Schüler besuchten auf diesem Weg noch den kleinen Kramladen von Frau Tietze in der Kantstraße, wo es Schulbedarf und allerlei Süßigkeiten zu kaufen gab.

Bei der Friedrich-Junge-Schule, die in ihren Gebäuden Volksschule und Mittelschule beherbergte (dies waren die damals üblichen Bezeichnungen), handelte es sich um einen zwischen 1950 und 1953 fertiggestellten, von dem Architekten und städtischen Baudirektor Rudolf Schroeder (1897-1965) entworfenen Neubau, einen von mehreren um diese Zeit entstandenen Schulneubauten in Kiel nach einer einheitlichen und ganz andersartigen Konzeption als bisher. Schroeder, der als Architekt von 1927 bis 1962 im Dienst der Stadt Kiel stand und als Schüler von Paul Bonatz (u.a. Erbauer der Tübinger Universitätsbibliothek) und Paul Schmitthenner der Stilrichtung der "neuen Sachlichkeit" verpflichtet war, hatte, abgesehen von zahlreichen Schulneubauen nach dem Krieg, unter anderem das Arbeitsamt auf dem Wilhelmplatz (1928-30), die Städtische Schwimmhalle am Lessingplatz (1934-35), in der ich später das Schwimmen lernte, die Hauptfeuerwache am Westring (1952-56), das Gesundheitsamt in der Fleethörn (1954-58) sowie die Jugendherberge in Kiel-Gaarden (1958-62) entworfen. Während der Kieler Woche 1953 besuchte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss die Schule.

Von Anfang wurden hier Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. Volks- und Mittelschule waren unter einem Dach untergebracht und standen bis 1954 auch unter einer gemeinsamen Leitung. Es war ein sehr heller und freundlicher Gebäudekomplex, der im Grünen, am Rande des Wohngebietes lag und in lockerer Bauweise errichtet worden war. Sahen die älteren Schulgebäude in Kiel, von denen die meisten im Krieg zerstört worden waren, eher wie eine große Kaserne aus, gab es hier nun für die Volksschule und die unteren Klassen der Mittelschule vier flache, von einem Hauptgang kammartig abzweigende Pavillonzeilen, in denen sich jeweils eine Reihe von Klassenräumen befand. Vor jedem Klassenzimmer lag ein kleiner Vorgarten, so dass der Unterricht in der warmen Jahreszeit auch einmal im Freien stattfinden konnte. Von der Zeile aus trat man zunächst in einen Vorraum, in dem sich Garderobenhaken, Mappenfächer, ein in die Wand integrierter Papierkorb und ein Waschbecken befanden. Die Zeilen führten auf einen sehr großzügig angelegten Schulhof, der an einen großen Sportplatz mit Rasenfläche grenzte. Das zweistöckige Hauptgebäude der Schule am Ende des Hauptgangs mit zwei offenen Laubengängen nach Westen enthielt die Klassenräume der Mittelschule, Facharbeitsräume sowie die Schulverwaltung mit Rektorat und Lehrerzimmer. Ein an den Turm mit seiner markanten Uhr anschließender Balkon gestattete einen guten Ausblick in die Umgebung. 1961 erhielt die Schule noch einen zusätzlichen Flügel, der eine große Turnhalle, einen Musiksaal und weitere Facharbeitsräume umfasste. Durch einen Glasgang abgetrennt, entstand zwischen Schulhof und Turnhalle eine Art Freilichtbühne, die später jedoch selten zu diesem Zweck benutzt wurde.

Der Name der Schule sagte mir lange Zeit nichts. Erst in den höheren Klassen wurden wir gelegentlich über die Bedeutung des Namensträgers Friedrich Junge (1832-1905) aufgeklärt, der lange Zeit Hauptlehrer an der 3. Mädchenvolksschule in Kiel gewesen und mit mehreren Veröffentlichung für einen zeitgemäßen naturkundlichen Unterricht eingetreten war. Sein Hauptwerk "Der Dorfteich als Lebensgemeinschaft" erschien 1885.

Auf dem weitläufigen Schulhof versahen ältere Schüler Ordnungsdienste, wie etwa Papiersammeln. Sie "hatten Ordnung". Beliebte Lehrer waren während der Pausenaufsicht oft von einem Schwarm ihrer Anhänger umringt. Die kleinen Schüler hatten sich von den größeren manche Hänseleien gefallen zu lassen, wie "Erste Klasse - Nuckelflasche, "Zweite Klasse - Untertasse". Im Winter kam es immer wieder vor, dass einem kleinen Schüler die Mütze vom Kopf gerissen und irgendwo hin-, ja sogar manchmal auf das Zeilendach geworfen wurde. Oder es wurde jemand mit Schnee oder Herbstlaub "gewaschen". Im Winter entstanden auf dem verschneiten Schulhof zahlreiche "Hackerbahnen". Sehr beliebt waren "Gleitschuhe". Den kleinen Abhang vom Schulhof zum Sportplatz nutzten viele kleinere Kinder gern zum Schlittenfahren, während die Größeren dazu etwa die Abhänge im Düsternbrooker Gehölz (Krusenkoppel) nutzten. Die älteren Schüler sammelten sich meist in größeren Gruppen vor und hinter dem Schulhoftor, einige rauchten wohl auch dort. Allerdings war es verboten, das Schulgelände während der Schulzeit eigenmächtig zu verlassen.

Ein beliebtes Pausenspiel drehte sich um Pfennigstücke. Ein Teil des Spiels bestand darin, diese kleinen Münzen möglichst so geschickt gegen eine Mauer zu werfen, dass sie ganz dicht vor der Mauer liegen blieben. Wessen Münze am dichtesten an der Mauer lag, der bekam den gesamten Wurf einer Spielergruppe als Gewinn. Beim anderen Teil des Spiels wurde eine gewisse Anzahl von Münzen auf der senkrecht aufgestellten Hand aufgetürmt und mit einem geschickten Wurf auf die dann in die Waagrechte gedrehte Hand gesetzt. Fielen dabei Münzen zu Boden, hatte der jeweilige Spieler den Einsatz verloren. Auch das Versteckspiel auf dem weitläufigen Schulgelände machte viel Spaß. Bekannte Abzählreime, die von Schülergeneration zu Schülergeneration weitergegeben wurden, lauteten: "eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir und vor mir gildet (!) nicht, eins, zwei, drei, wir kommen". "Ene mene muh, raus bist du, raus bist du noch lange nicht, musst erst sagen, wie alt du bist". Oder: "Hinter einer Klostermauer saß der Doktor Adenauer, hatte kein Papier, und du bleibst hier". Dieser Reim bezog sich auf den uns noch unbekannten Umstand, dass sich Konrad Adenauer während des Dritten Reiches einige Zeit in der Abtei Maria Laach in der Eifel versteckt hielt. Im Unterricht der Volksschule lernten wir an den Tischen das Fingerabzählspiel "Klinge linge ling, so geht’s im Laden, kleine dicke Frau, was woll’n Sie haben, Kaffee, Zucker oder Tee? T-e-e usw". Der Finger, über dem der Abzählfinger stehen blieb, musste eingezogen werden. Sehr beliebt war das Auto- oder Flugzeugquartett, das neben dem spielerischen Element auch einen gewissen Informationswert besaß. Einige Zeit war es Mode, auf der Straße Autokennzeichen aufzuschreiben.

Während des ersten Schuljahres war ich oft krank; was mit den Windpocken während des Kinderheimaufenthaltes auf der Insel Amrum begann, setzte sich nun fort, bis ich nach und nach alle üblichen Kinderkrankheiten durchgemacht hatte. Während des ersten Schulhalbjahres fehlte ich deshalb 20 Tage, im zweiten Halbjahr 23 Tage. Zu den Krankheiten dieser Zeit gehörte auch der Keuchhusten. Noch in Erinnerung geblieben ist mir die damals übliche Behandlungsmethode: Der Arzt verordnete uns mehrere Aufenthalte im düsteren "Bierkeller" der Holstenbrauerei (Knooper Weg/Ecke Holtenauer Straße). Dort in der kühlen, feuchten und stark aromatisierten Luft saßen und lagen eine ganze Reihe von Patienten mit Atemwegserkrankungen. Zu den gesundheitspolitischen Maßnahmen jener Zeit in der Schule gehörten der Besuch des Schulzahnarztes, die Röntgenreihenuntersuchung (Tbc-Vorsorge) in einem großen langen Röntgenwagen, der auf das Schulgelände gefahren kam sowie die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung.

Gern denke ich an unsere Klassenlehrerin zurück, die uns in den ersten vier Schuljahren mit ihrer freundlichen und kompetenten Art betreute: Fräulein Matthiesen (jede unverheiratete Frau gleich welchen Alters wurde als "Fräulein" angeredet). Bei ihr fühlten wir uns sehr wohl und waren gut aufgehoben. Der Abschied von ihr im Jahre 1964 fiel uns sehr schwer. Als Rektorin der Volksschule amtierte von 1954 bis 1965 Traudel Clausen, während Kurt Langlotz seit 1954 die Mittelschule leitete.

Die Friedrich-Junge-Schule verfügte über zwei Hausmeister. Herr Fahnert, der eine meist griesgrämige Hausmeister, wohnte direkt über dem Haupteingang der Schule, darunter befand sich sein schalterartiges Büro. Etwas freundlicher war sein Kollege Becker, der seine Wohnung im Schulanbau hatte und während der großen Pause Milch und Kakao verkaufte. Überhaupt waren die Hausmeister bei den Schülern mehr gefürchtet als viele Lehrer, und ich habe mich später gefragt, warum eigentlich Schulhausmeister die Schule wie ihr Privateigentum hüten und meist "Drachen" sind, vor denen sogar die Lehrerschaft Respekt hat.

Im Klassenraum saßen wir in den ersten Jahren an Vierertischen auf dreibeinigen Drehstühlen. Für die ersten Schreibübungen benutzten wir zunächst eine Schiefertafel, die mit einem besonderen Stift beschrieben wurde und jederzeit mit einem Schwämmchen wieder abgewischt werden konnte. Bald wechselten wir zu kleinen Schreib- und Rechenheften mit einem eingelegten Löschblatt. Unser Schreibgerät wurde nun ein Tintenfüllfederhalter. Beim Umgang mit dem Füllhalter und dem Tintenfass war nicht jeder Schüler gleichermaßen geschickt. Zum Auftanken des Füllers war die Feder in ein kleines Tintenglas zu tauchen und hinten am Füller zu drehen, so dass die Tinte angesaugt wurde. Eine Mitschülerin, Annemarie Sonntag, drehte einmal an ihrem Füller versehentlich in die entgegengesetzte Richtung, so dass die Tinte aus dem Füller und damit auch aus dem Tintenfass herausspritzte. Ihr weißes Sommerkleid war über und über mit blauen Tintenflecken übersät, und sie fing sofort an zu heulen. Streng untersagt war es, in der Schule einen Kugelschreiber zu benutzen, denn es hieß immer, die Handschrift, die sich ja bei uns noch nicht ausgeprägt hatte, würde durch einen Kugelschreiber verdorben. So schrieben wir jahrelang mit einem Füllfederhalter, dessen Feder oft kratzte oder kleckste. Nicht selten bekamen wir auch blaue Finger, wenn wir den Füller zu weit unten anfassten. Nach einiger Zeit kam dann der Patronenfüller in Gebrauch; das Auswechseln der Tintenpatrone war wesentlich einfacher als das Auftanken im Glas.

Sehr viel Wert wurde auf das Schönschreiben gelegt. Es gab Schönschreibübungen, zu besonderen Anlässen fertigten wir kunstvoll geschriebene und am Rand bemalte Gedichtblätter an, die wir etwa der Mutter zum Muttertag schenkten ("Mutter, liebste Mutter, von Herzen lieb’ ich dich").

Zu Beginn der Schulstunde standen wir beim Eintreten der Lehrkräfte von unseren Plätzen auf und erwiderten im Chor ihren Gruß. Vor dem Beginn der Unterrichtsstunde gab es mancherlei Tobereien in der Klasse. Um eine unangenehme Überraschung zu vermeiden, standen ein bis zwei Schüler an der offenstehenden Klassentür als "Aufpasser" Wache. In der spiegelnden Glastür konnte der in den Zeilengang einbiegende Lehrer rechtzeitig von den Wächtern erkannt werden. Sie rannten dann sofort in die Klasse hinein und schrien "Er/Sie kommt!" Manchmal konnte es geschehen, dass plötzlich ein anderer Lehrer, auf das bunte Treiben in unserem Raum aufmerksam geworden, von der benachbarten Zeile in unseren Vorgarten kam und unbemerkt vor dem Fenster stand. Einmal - es war wohl bereits während meiner Realschuljahre, ging es in unserer Klasse recht lebhaft zu. Einige sprangen sogar über Tische und Stühle. Plötzlich stand völlig unbemerkt der gestrenge Rektor, Kurt Langlotz, direkt vor einer gerade sprungbereiten Schülerin und sagte ganz "cool" zu ihr: "Ja, mein liebes Fräulein Hase!" Sie wurde ganz bleich vor Schreck.

Gemessen an heutigen Verhältnissen hatten es die Lehrer damals nicht übermäßig schwer, ihre Autorität durchzusetzen. Wollte dies einmal nicht gelingen, so genügte die Drohung, den Rektor zu holen oder einen besonders frechen Schüler ins Rektorzimmer zu bringen. Unbotmäßigkeiten während des Unterrichts bestraften die Lehrer entweder mit Strafarbeit oder aber mit Nachsitzen. Zuweilen musste ein Schüler während der Schulstunde zur Strafe "in der Ecke stehen" oder sogar draußen vor der Tür bleiben. Hin und wieder kam es vor, dass ein Schüler von einem Lehrer eine Ohrfeige erhielt. Körperliche Züchtigung war noch nicht verboten. Es wurde hiervon zwar nicht übermäßig häufig Gebrauch gemacht, aber von allen Beteiligten als normal hingenommen, wegen übermäßiger Frechheit "eine gelangt" zu bekommen. Gefürchtet waren die "blauen Briefe" am Ende des Schuljahres, die ihren Namen dem blauen Briefumschlag verdankten, in denen die Eltern über den Umstand informiert wurden, dass ihr Kind "sitzen geblieben" war und das Schuljahr zu wiederholen hatte. Sobald dies in der Klasse bekannt geworden war, erwarteten die "Sitzenbleiber" allerlei Hänseleien ihrer Klassenkameraden. Unbarmherziges Gespött gab es aber auch immer dann, wenn ein Schüler durch irgendeine Eigenart auffiel. Dies scheint ein unausrottbarer menschlicher Grundzug zu sein. So erhielten wir einmal in unserer Klasse einen Neuzugang aus Regensburg. Dieser Schüler sprach mit einem deutlichen bayrischen oder fränkischen Akzent. Einmal fing er während der Stunde an zu weinen. Von der Lehrerin nach der Ursache befragt, beklagte er sich, dass ihm jemand sein "Federmäpple" weggenommen habe. Über dieses "Federmäpple" konnten sich die anderen Schüler gar nicht mehr beruhigen vor Lachen. Viel Spott hatten Kinder zu ertragen, die eine Brille verordnet bekamen, ganz besonders Mädchen, die dann als "Brillenschlange" tituliert wurden. Das lag sicher auch daran, dass das Brillentragen noch nicht so verbreitet war wie heute und die Brillengestelle meist ziemlich hässlich aussahen.

Das Lesenlernen erfolgte nach der sogenannten Ganzwortmethode, es wurde uns also immer das Erscheinungsbild eines ganzen Wortes eingeprägt. Dazu dienten u.a. an der Wand im Klassenzimmer aufgehängte bunte Bilder mit bestimmten Gegenständen, Tieren, Pflanzen und dergleichen mit der jeweiligen Bezeichnung ("Hund", "Haus", "Vogel" usw.). Gerade hieran zeigt sich deutlich das Kommen und Gehen pädagogischer Methoden. Nur wenige Jahre später, als meine Geschwister lesen lernten, kam die synthetische Methode auf, wonach ein neues Wort von den einzelnen bekannten Silben her allmählich zusammengesetzt und "begriffen" wird. Diese beiden Hauptmethoden wechselten sich in der Schulgeschichte stets miteinander ab. Und so gab und gibt es auch noch andere "Moden", die zeigen, wie in der Pädagogik an den Schülern immerfort herumexperimentiert wird. Nur lassen sich eventuell auftretende Misserfolge an den "Versuchskaninchen" oft nicht mehr rückgängig machen. Dazu gehört auch die Koedukation, die in den 1950er und -60er Jahren als sehr fortschrittlich galt, heute nach neueren Untersuchungen vor allem in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern für die Mädchen jedoch eher nachteilig ist.

Viel Wert wurde auf das Singen und Musizieren mit Blockflöten oder Orffschen Instrumenten gelegt. Das blau eingebundene "Liederbuch für Schleswig-Holstein" war jahrelang unser Begleiter. Die von uns gesungenen Lieder drehten sich meist um die schleswig-holsteinische Heimat, um das Wandern oder die Seefahrt, sofern es sich nicht um Lieder handelten, die in den Religionsunterricht gehörten ("Geh aus mein Herz und suche Freud", "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land"). Ein kleines, überaus drolliges Lied, ein Kanon, ging auf den Text "C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Caffee, nicht für Kinder ist der Türkentrank, macht die Wangen blass und krank, sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann". Auswendig lernten wir Klaus Groths "Lütt Matten de Haas..."

Neben den Fächern Lesen, Schreiben und Rechnen begann im 3. Schuljahr das Fach "Heimatkunde". Das hierin Erlernte hat mir bis zum heutigen Tag gute Dienste geleistet. Frl. Matthiesen führte uns auf sehr einfühlsame Weise in die landeskundlichen Gegebenheiten unserer schleswig-holsteinischen Heimat ein - in Wort und Bild, auf gestalterische Weise und durch kleinere Ausflüge. Im Klassenraum befand sich ein großer Sandkasten, in dem mit Sand und anderen Materialien kleine Modelle angefertigt werden konnten, z.B. zur Demonstration des Deichbaus an der schleswig-holsteinischen Westküste. Viele Erkenntnisse zu den geographischen Gegebenheiten meiner Heimat sind mir auf diese Weise klar und eindrücklich geworden, etwa der Rhythmus der Gezeiten, der Deichbau, die Entstehung von Mooren, die verschiedenen Landschaftstypen in Schleswig-Holstein, überhaupt das Orientierungsvermögen auf der Landkarte und nicht zuletzt die Entstehung und Geschichte der Stadt Kiel. Auf die Erläuterung der Stadtgründung durch den Schauenburger Grafen Adolf IV. von Holstein im Jahre 1242 wurde besonderer Wert gelegt; wir lernten den Aufbau der Kieler Altstadt auf der Halbinsel am Kleinen Kiel anhand des Stadtplans und durch eine kleine Begehung der Altstadt kennen und besuchten auch das ehemalige Franziskanerkloster in der Falckstraße, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde, in dessen Kreuzgang sich aber noch das Grabmal des 1261 gestorbenen Stadtgründers befindet. Schade nur, dass wir die offensichtlich unter der Rasenfläche noch vorhandenen unterirdischen Gänge nicht sehen konnten. Leider sind auf Grund der flächendeckenden Bombardierung Kiels im Zweiten Weltkrieg nur sehr wenige historisch interessante Gebäude erhalten geblieben.

Anfang November 1962 besichtigten wir das wenige Jahre zuvor neu erbaute Kieler Hauptpostamt am Stresemannplatz mit der langen zentralen Schalterhalle, der Paketabfertigung und der modernen Briefsortieranlage. Diesen Besuch hatte unser Mitschüler Roland Arp vermittelt, dessen Vater dort als Postbeamter arbeitete und uns herumführte. Anschließend schrieben wir über diesen Besuch einen kleinen Aufsatz.

Sehr eindrücklich war ein Spaziergang mit der Klasse am Westufer der Kieler Förde im Januar 1962. Es war dies wohl einer der härtesten Winter des Jahrhunderts. Die Kieler Förde war vollständig zugefroren, was eigentlich selten vorkommt, und ein geregelter Schiffsverkehr war nicht mehr möglich. Vor uns breitete sich eine riesige weiße Eisfläche aus. Auf das Eis selbst durften wir jedoch nicht gehen, da es zu gefährlich gewesen wäre.

Ein besonderes Erlebnis war eine Busfahrt zur Hamburger Hallig im Laufe des vierten Schuljahrs. Erstmals sah ich die Nordsee, die Marschlandschaft und das Watt, von denen im Unterricht bereits die Rede war. Vom Parkplatz hinter dem Deich wanderten wir den vier Kilometer langen Damm entlang der Salzwiesen und betrachteten die Pflanzen- und Tierwelt dieser Landschaft, die dem Meer in jahrelanger Arbeit abgerungen worden war. Leider regnete es an diesem Tag viel, und so freuten wir uns über eine warme Suppe im Halligkrug.

Der Heimatkunde- und der später folgende Erdkundeunterricht machte uns also zunächst mit der schleswig-holsteinischen Heimat und erst danach mit den geographischen Gegebenheiten Deutschlands vertraut. Erst viel später wandte sich der Unterricht anderen Ländern Europas und schließlich anderen Erdteilen zu. Dieser Aufbau erscheint mir auch heute noch sehr sinnvoll, doch wurde er später weitgehend durch einen Unterricht ersetzt, der sich eher exemplarisch mit bestimmten Problemfeldern und Spezialthemen beschäftigt und nur noch ein punktuelles Wissen vermittelt. Darunter leiden aber Allgemeinbildung und Orientierungsvermögen sowie das Interesse für die Gebiete und Landschaften, in denen wir uns am häufigsten aufhalten.

Neben dem Heimatkundeunterricht sind mir aus der Grundschulzeit verschiedene biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht im Gedächtnis geblieben, der ja in diesen ersten Jahren ganz überwiegend erzählerisch gestaltet wird. Ich nenne nur die Geschichten von Noah, Abraham, Mose oder Josef und seinen Brüdern. Allerdings wurde dabei, wenn ich es rückblickend betrachte, irgendwie nie so recht der Zusammenhang zwischen diesen Geschichten, Gott und ihrer Bedeutung für unser menschliches Leben deutlich, zumal unsere Familie überhaupt keinen Kontakt zu einer Kirchengemeinde besaß und ich demzufolge nie einen Kindergottesdienst besuchte.

Ein weiterer Programmpunkt aus den ersten Volksschuljahren ist mir noch in Erinnerung geblieben. Anlässlich der "Kieler Woche" strömten zahlreiche Schulklassen verschiedener Schulen zum "Spalierstehen" für den Bundespräsidenten Heinrich Lübke (1894-1972), der zur Eröffnung der traditionellen Segelwettbewerbe nach Kiel kam. Wir standen längere Zeit am Rande der Kreuzung Möllingstraße/Eckernförder Straße und warteten auf das Vorbeifahren der schwarzen Präsidentenlimousine und der Begleitfahrzeuge. Als dann der geschlossene Wagen des in der Öffentlichkeit steif und unbeholfen wirkenden Bundespräsidenten endlich vorbeifuhr, winkten wir ihm lebhaft zu

Zu den Programmpunkten außerhalb des eigentlichen Unterrichts gehörte die Verkehrserziehung auf dem Schulhof durch einen Polizisten oder den "Verkehrskasper", Kaspertheatervorführungen, der Besuch eines Falkners und die unumgänglichen Geldsammlungen, sei es der sogenannte Schulgroschen, den die Eltern in freiwilliger Höhe für die kulturelle Arbeit der Schule aufbrachten, sei es für das Müttergenesungswerk oder das Deutsche Jugendherbergswerk, für die wir daheim und im Bekanntenkreis kleine Papierblumen oder Ansichtskarten verkauften.

Besondere Schwierigkeiten in der Volksschule - und überhaupt während meiner Schulzeit - traten bei mir nicht auf. Nachhilfeunterricht habe ich nie benötigt. Bis zu meinem 15. /16. Lebensjahr war ich überwiegend zurückhaltend, ja zuweilen schüchtern in der mündlichen Beteiligung, von einigen gelegentlichen "Ausreißern" abgesehen ("Wilfried stört den Unterricht oft durch Schwatzen bei der schriftlichen Stillarbeit", so hieß es erstaunlicherweise im Zeugnis vom Herbst 1963). Die mangelnde Beteiligung oder Flüchtigkeit war immer wieder einmal Grund dafür, dass meine Zeugnisnoten nach unten tendierten.

Am Ende des 4. Volksschuljahres entstand die Frage des Übergangs auf eine weiterführende Schule. Bis zum Anfang der 70er Jahre meldeten die Eltern die hierfür in Frage kommenden Kinder zu der obligatorischen "Übergangsprüfung" an. Diese Prüfung bestand aus einem Diktat, einer Nacherzählung und einer Rechenarbeit. Mit dem Schuljahr 1971/72 wurde diese Prüfung, die als Ausleseverfahren bildungspolitisch nicht mehr dem Zeitgeist entsprach, zugunsten der neuen "Orientierungsstufe" abgeschafft. Auf das Ergebnis dieser Prüfung und die Empfehlung meiner Klassenlehrerin war ich sehr gespannt, zumal sie damals als bindend galt. Überrascht, ja enttäuscht war ich, als ich "nur" eine Empfehlung zum Besuch der Mittelschule erhielt, denn ich wäre sehr gern auf ein Gymnasium wie z.B. die altehrwürdige, bereits im Jahre 1320 gegründete Kieler "Gelehrtenschule", das altsprachliche Gymnasium in der Feldstraße, gegangen. Meine Klassenlehrerin, Frl. Matthiesen, begründete dieses Votum damit, dass sie mein Leistungs-, vor allem aber mein Durchhaltevermögen so einschätzte, dass es nicht für den Besuch einer "Oberschule" ausreichen würde. Wenn ich mir heute meine Zeugnisse anschaue, so muss ich allerdings zugeben, dass meine Noten dieses Urteil bestätigen. So wurde ich nun zum Besuch der Mittelschule angemeldet und konnte daher bis zur Reifeprüfung im Jahre 1969 auf der Friedrich-Junge-Schule bleiben, die beide Schularten beherbergte. Sollte sich mein Leistungsverhalten später noch verbessern, so hieß es, könnte ich dann immer noch auf dem "Umweg" zum Abitur gelangen. Mit dieser Aussicht konnte ich mich mit der Zeit anfreunden. Allerdings war in jenen Jahren der Wechsel von der Realschule zum Gymnasium noch nicht so einfach zu bewerkstelligen wie heute. Doch dazu später.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass das Gymnasium damals noch nicht - wie heute - im öffentlichen Bewusstsein als Regelschule galt und die Hauptschule nur für den Rest, den "Bodensatz" der Schüler zuständig war. Nach den Kieler Schülerstatistiken verblieben Mitte der 60er Jahre noch etwas mehr als 50 Prozent der Schüler auf der Volks- bzw. Hauptschule. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Anforderungen auf der Realschule und dem Gymnasium ursprünglich höher waren als heute. Erst durch die Bildungsreformen zu Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, die ja in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der "68er" standen, trat hier eine völlige Veränderung der Situation ein.

Während meiner Grundschulzeit befreundete ich mich mit einigen Klassenkameraden, ohne jedoch zu einer größeren Gruppe zu gehören. Engen Kontakt hielt ich zu Rolf Stangenberg in der Eichendorffstraße, dessen Vater als Deutschlehrer in den höheren Klassen der Friedrich-Junge-Realschule unterrichtete und auf sehr eindrucksvolle Weise das Versmaß von Gedichten verdeutlichen konnte, in dem er abwechselnd mit der Hand und dem Ellenbogen auf der Tischplatte den "Takt" klopfte ("Wan-de-rer-kommst-du-nach-Spar-ta"). Bei ihm und seiner Schwester war ich häufiger zu Gast, etwa bei Kindergeburtstagen. Zum Kreis um Rolf Stangenberg gehörte auch sein Nachbar Uwe Schuldt. Zum Spielen ging ich auch manchmal zu Wolfgang Griebel in der Eckernförder Straße. Nach dem Abschluss der Grundschulzeit und den Übergang auf verschiedene weiterführende Schulen endeten diese Freundschaften.

 

(Teil 2: 1964-1969, Realschulzeit)

Mein Wechsel von der Volksschule auf die Mittelschule (später wurde sie Realschule genannt) nach den Osterferien 1964 brachte – äußerlich gesehen – wenig einschneidende Veränderungen. Schulweg und Schulgebäude blieben gleich. Dennoch war es ein Neuanfang, deutlich sichtbar an der neuen Klassengemeinschaft, der ich bis zum Schulabschluss am Ende der 10. Klasse angehörte. Fast alle Klassenkameraden waren mir bisher unbekannt. Unsere neue Klassenlehrerin, Fräulein Petersen (sie heiratete einige Zeit später und hieß dann Kleist), wuchs uns schnell ans Herz, sie war eine sehr befähigte und immer ausgeglichene Lehrerin. Leider behielten wir die Klassenlehrer jeweils nur für zwei Schuljahre. Zu Beginn des 7. Schuljahres übernahm Herr Berkowski (Englisch/Sport) unsere Klasse, mit dem 9. Schuljahr dann Herr Seidel (Mathematik/Sport).

In den Jahren 1966 und 1967 gab es zwei "Kurzschuljahre". Das Schuljahr 1966 ging nur von Ostern bis Ende November, das Schuljahr 1966/67 reichte dann von Ende November bis Mitte Juli 1967. Durch diese Maßnahme wurde erreicht, dass das neue Schuljahr nicht mehr nach den Osterferien begann, sondern erst nach den Sommerferien. Kennzeichnend für meine Realschulzeit war der Samstagsunterricht, der vier Schulstunden umfasste. Da auch viele Väter noch am Samstag bis zum Mittag arbeiteten, war dies eigentlich gar kein Problem. Dafür gab es von Montag bis Freitag keinen Nachmittagsunterricht, die Schule war spätestens nach der sechsten Stunde zu Ende.

Zu jedem Schuljahr gehörte ein "Wandertag". Unser erster Wandertag im Sommer 1964, also während des fünften Schuljahres, führte in das Schwentinetal und schloss eine Bootsfahrt von Neumühlen bis zur Oppendorfer Mühle ein. Von Plön aus unternahmen wir eine Fünf-Seen-Fahrt in die Holsteinischen Schweiz. Im März 1967 wanderten wir am alten Eiderkanal. Einmal stand die Besichtigung der Kieler Brauerei "Zur Eiche" (gegr. 1871) in der Prüne auf dem Programm, die erst kurz zuvor modernisiert worden war.

An den heißen Sommertagen beobachteten die Schüler regelmäßig das Schulthermometer, das auf der Nordseite des Treppenhauses im Hauptgebäude der Schule unweit des Lehrerzimmers in einem schattigen Winkel hing, der niemals von einem Sonnenstrahl berührt wurde. Denn bei 25 Grad Außentemperatur war mit Hitzefrei zu rechnen, was aber wegen des Standorts des Thermometers relativ selten eintrat.

Gleich zu Beginn des 5. Schuljahres kamen eine Reihe neuer Schulfächer auf uns zu wie z.B. Biologie, ein Fach, das Frau Graf, eine ältere Dame, unterrichtete. Bewunderung erregte sie dadurch, dass sie trotz ihres Alters einen schicken VW-Sportwagen der Marke Karmann Ghia fuhr. Eine der ersten Biologiestunden machte uns mit den ersten Blütenpflanzen des Frühjahrs im Wald bekannt, dem "Buschwindröschen" und dem "Scharbockskraut". Wir besuchten den von den höheren Klassen angelegten und gepflegten Schulgarten, der sich westlich an den großen Sportplatz anschloss. In meinem Biologie-Heft findet sich hierzu neben anderen "Merksätzen" unter dem 29. Juni 1964 folgende grammatikalisch nicht ganz korrekte Eintragung: "Im Schulgarten. Neulich waren wir im Schulgarten. Zuerst gingen wir am Teich vorüber und es wuchsen viele Wasserpflanzen am und im Teich und es leben viele Frösche und Molche darinnen. An des Teiches südliche Seite standen einige Bäume, zum Beispiel die Erle und die Buche. Dann gingen wir zu den Gemüsebeeten. Hier sind Erbsen, Bohnen, Kartoffeln und Wurzeln gepflanzt. Neben dem Teich ist Heideland".

Außerdem erteilte Frau Graf einmal in der Woche eine Schönschreibstunde. Ein Schüler schrieb dabei an der Tafel, die für diesen Zweck eine herausklappbare und mit Schreiblinien versehene Tafelseite besaß. Ich schrieb sehr ungern an der Tafel, weil das große Tafelbild zu unübersichtlich war, wenn man direkt davor stand und es erforderlich machte, sehr groß zu schreiben. Die Kreide quietschte beim Schreiben und brach oft ab. "Linkshänder" hatte es übrigens damals sehr schwer. Sie waren nicht nur das Gespött der Klasse, sondern es wurde auch versucht, ihnen das Schreiben mit der "falschen" Hand abzugewöhnen. Mit unserem Schuljahrgang war das Erlernen der "Deutschen Schrift" abgeschafft worden, was ich später, nachdem ich als Historiker mit alten Handschriften zu tun bekam, bedauert habe. Die deutsche Schrift spielte jedoch zu der Zeit im öffentlichen Leben faktisch keine Rolle mehr; allerdings schrieben viele ältere Leute lange Zeit noch auf die alte Weise.

Etwas Neues war auch der Englischunterricht ab der 5. Klasse, der mir meist gut gefiel, ebenso der Französischunterricht ab dem 7. Schuljahr, den Frau Richter erteilte. Wurde es ihr etwas zu laut in der Klasse, stampfte sie sehr energisch mit ihrem Schuhabsatz auf den Boden und rief laut: "Du silence! Du silence, s’il vous plaît!"

Erdkunde unterrichtete in vielen Klassen Herr Westphal. Er ging so steif und kerzengerade umher, als habe er ein Lineal verschluckt. Gelegentlich sah man ihn auf der Straße zusammen mit seinen Kindern gehen, er vorneweg in "Knickerbockern", hinter ihm die nach der Größe geordnete Kinderschar. Er sprach mit einer etwas feierlichen gravitätischen Sprache, oft begann seine Rede mit "Halt!". So konnte es geschehen, dass ich auf dem Schulhof, während er Aufsicht führte, von ihm angehalten und etwa so angeredet wurde: "Halt! Wilfried Lagler, hebe bitte dieses Stück Papier auf". Auch sollten die Schüler stets nur in ganzen Sätzen antworten. Mit großer Vorliebe ließ er die Schüler Landkarten sowie die Flaggen der verschiedenen Staaten in die Schulhefte abzeichnen. Auch waren die Namen der Hauptstädte, die wichtigsten Flüsse, Berge und Seen eines Landes zu lernen. Eine saubere Heftführung war ihm sehr wichtig, und so standen die Schüler am Lehrerpult oft Schlange, um ihre Hausaufgaben vorzuzeigen. Seine Bewertung schrieb er mit großer, steiler und weit nach rechts geneigter Schrift in die Hefte hinein. Sein Unterricht hatte mit modernem Geographieunterricht, wie wir ihn heute verstehen, wenig gemeinsam.

Aus einem besonderen Grund erinnere ich mich gern an Frau Beier, die in unserer Klasse ebenfalls eine Zeit lang Erdkunde gab. Sie erzählte uns nämlich begeistert von ihrem Studienaufenthalt in der schönen alten Universitätsstadt Tübingen. Zu der Zeit konnte ich natürlich noch nicht ahnen, dass ich einmal in Tübingen meinen Beruf ausüben würde.

Aus dem Mathematikunterricht, der nicht zu meinen Lieblingsfächern gehörte, erinnere ich besonders die Einführung des "Rechenschiebers" oder Rechenstabes der Marke "Aristo-Scholar", die unter der Anleitung von Herrn Sievers wohl im 8. Schuljahr erfolgte. Neben den vier Grundrechenarten ermöglichte der Rechenschieber die Ausführung komplexerer Rechenoperationen (wie etwa Wurzelziehen, Potenzieren und Winkelfunktionen). Dieses Hilfsmittel ist durch die Einführung des Taschenrechners bald völlig überflüssig geworden und in Vergessenheit geraten. Ich bin mit diesem doppelseitig verwendbaren "Rechenstab" nie richtig "warm" geworden, weil es mir einfach nicht in den Kopf gehen wollte, in welcher Weise man die "Zunge" und den "Läufer" hin und her zu schieben hatte und wo das Ergebnis der Rechenoperation abzulesen war. Herr Sievers war der Mentor zahlreicher Referendare; während die oft etwas hilflos wirkenden Junglehrer die Unterrichtsstunde hielten, saß Herr Sievers im Hintergrund und beobachtete das Geschehen. Gelegentlich näherte er sich unbemerkt von hinten einem unbotmäßigen Schüler und versetzte ihm mit dem Rechenschiebergehäuse einen leichten Schlag.

Mit dem 7. Schuljahr kamen Physik und Chemie als neue Unterrichtsfächer hinzu, für die ich jedoch keine besondere Neigung entwickelte. Die Schule verfügte für diese Fächer über einen gut ausgestatteten Unterrichtsraum. Bis zur Reifeprüfung unterrichtete uns hier Herr Teupke, dessen Experimente nicht immer auf Anhieb gelangen. Erstaunt war ich, als ein mit sehr einfachen Mitteln konstruierter Radioempfänger tatsächlich Töne hervorbrachte. Lustig war es, an den Arbeitstischen mit dem Bunsenbrenner zu hantieren und zu sehen, wie sich bestimmte Stoffe verfärbten oder verdampften.

Für den Zeichenunterricht (Kunsterziehung) an der Friedrich-Junge-Realschule war Frau Margret Knoop-Schellbach (geb. 1913) zuständig. Sie war eine schon damals bekannte Künstlerin, die sich auf vielen Gebieten betätigte und mit dem viele Jahre älteren Maler Willy Knoop (1888-1966) verheiratet war. Arbeiten von ihr hingen in vielen öffentlichen Gebäuden des Landes. Frau Knoop war stets sehr bunt bekleidet und trug oft selbst gefertigte Kleidungsstücke. Sie war meist fröhlich und gut gelaunt (stets verabschiedete sie uns mit den Worten "eine schöne Woche!"), konnte sehr viel und lebendig erzählen, doch gab es nicht selten Disziplinschwierigkeiten im Unterricht. In besonders gravierenden Fällen verließ sie den Raum und zum eilte zum Rektor der Schule, um Meldung zu machen. Manchmal dauerte es lange, bis sie (allein) wieder zurück kam. In den Sommerferien unternahm sie weite Studienreisen, auf denen sie Skizzen für neue Werke anfertigte. Einmal, als sie nach Ägypten reisen wollte, bat sie alle Schüler, die den Unterricht bei ihr besuchten, ihr möglichst viele Kugelschreiber zu spenden. Sie nahm sie dann Hunderte von Kugelschreibern mit nach Ägypten, um sie dort den Kindern zu schenken. Stolz berichtete sie uns hinterher von dieser Aktion.

In ihren Unterrichtsstunden versuchte sie (meist vergeblich), die Schülerinnen und Schüler zu kreativem Umgang mit Form und Material anzuregen. Auch genaues Beobachten wurde geübt und in Zeichnungen umgesetzt, so z.B. eine Studienarbeit in der Klasse 8 (Mai/Juni 1967) zum menschlichen Skelett, das aus dem Biologieraum stammte. Einmal wurden kleine Tischgruppen gebildet, jede Gruppe erhielt einen Hamster, den Schüler von daheim mitgebracht hatten. Es war jedoch sehr schwierig, ja geradezu unmöglich, diese Hamster zu zeichnen, weil sie ständig hin und her rannten und viel zu aufgeregt waren. Frau Knoop war sehr tierlieb und hielt im Zeichenraum im Hochparterre des Hauptgebäudes wohl auch eine Zeit lang einige kleinere Reptilien in einem Terrarium. Über das Wochenende oder über die Ferien nahm sie gern Hamster und andere Kleintiere von Schülern "in Pension", sofern es für die Tiere keine andere Unterbringungsmöglichkeit gab.

Der Umgang mit formbarem Material bedeutete, dass es am Ende der Unterrichtsstunden meist größerer Aufräum- und Putzaktionen bedurfte, um die Spuren unserer Aktivitäten zu beseitigen. Gelegentlich wurden kleinere kreative Arbeiten als Hausaufgaben gegeben, beispielsweise das Anfertigen von Kacheln aus Gips oder Treibarbeiten an einer Kupferfolie. Daher hinterließen die Schüler auch zu Hause (etwa in der Küche oder im Keller) Spuren dieser Kreativität.

Mit dem Werkunterricht, den Herr Schliep erteilte, konnte ich mich wenig anfreunden. Dies hing aber damit zusammen, dass ich so gut wie gar kein handwerkliches Geschick besaß. An Material und Werkzeug hat es in diesem Werkraum wahrlich nicht gefehlt. Aber nur mühsam bekam ich die dort geforderten Werkstücke fertig, etwa einen geschnitzten Blumenstock, einen Brieföffner oder ein Tier.

Erstaunlicherweise entstand bei fast allen Jungen in meiner Klasse während des 9. Schuljahres der Wunsch, am Kochunterricht teilnehmen zu können, für den Frau Tiedje, eine recht unfreundliche und mürrische ältere Lehrerin zuständig war. Leider blieb es bei diesem Wunsch, weil Frau Tiedje trotz Fürsprache des Rektors unter gar keinen Umständen Jungen in ihrer schönen Schulküche dulden wollte.

Der Sportunterricht war für mich nicht sehr attraktiv, weil ich absolut unsportlich und bei Ballspielen eher ein Hindernis als eine Bereicherung der Mannschaft war. Am meisten abgewinnen konnte ich noch den leichtathletischen Betätigungen im Freien auf dem großen Sportplatz der Schule, vor allem dem 50- bzw. 100-Meter-Lauf und Weitsprung, so dass ich bei den jährlich (seit 1951) durchgeführten "Bundesjugendspielen" im Sommer 1967 sogar eine Urkunde erhielt.

Für Schüler, die an der Ostseeküste wohnen, ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass sie schwimmen können. Bei uns begann der Schwimmunterricht im 5. Schuljahr. Wir marschierten dazu in die Städtische Schwimmhalle am Lessingplatz, die von mehreren Schulen für diesen Zweck genutzt wurde. Auch Schwimmwettbewerbe fanden hier statt. Die Technik des Schwimmens – zunächst mit einem Korkgürtel und einem Schwimmbrett für die Arme - erlernte ich relativ schnell, doch fehlte es mir länger als den anderen Mitschülern an Kraft und Ausdauer. So wollte es mir einfach nicht gelingen, das Freischwimmerzeugnis zu erringen. Dankenswerterweise nahm mich unser Schwimmlehrer, Herr Andresen, in seinem Auto zu zusätzlichen Schwimmstunden mit, die er für andere Gruppen gab. So geschah eines Tages bei mir doch noch ein plötzlicher Durchbruch; als letzter meiner Klasse erwarb ich in der ersten Hälfte des 7. Schuljahres, als ich bereits 13 Jahre alt war, innerhalb von drei Wochen bei Herrn Graumann das Freischwimmer- und das Fahrtenschwimmerzeugnis. Mit dem daran anschließenden "Jugendschein" wurde es dann aber nichts, weil ich das lange Tauchen und auch den Sprung vom Turm scheute.

Während des 9. und 10. Schuljahrs ergab sich für mich die Gelegenheit, an einer Ruder-AG teilzunehmen, die unser Klassen- und Sportlehrer, Herr Seidel, leitete. Die Schule besaß nämlich einen Achter, der in einem großen Bootshaus unterhalb der "Seeburg" am Hindenburgufer untergebracht war. Diese Art der sportlichen Betätigung machte mir recht viel Freude, obwohl sie für einen Ungeübten wie mich ziemlich anstrengend war. Ganz unumgänglich waren bei den Anfängern die Blasen und Schwielen an den Händen, die nach den ersten Trainingsstunden auftraten. Zunächst war es die Aufgabe der Schüler, das Boot aus dem Bootshaus zu holen, auf den Pontonanleger zu tragen und dort zu Wasser zu lassen. Gewisse Schwierigkeiten bereitete es uns, das Boot so zu besteigen, dass es nicht zu sehr schwankte und umzukippen drohte. Eine weitere Schwierigkeit war dann das Führen der Skulls ganz knapp unterhalb der Wasseroberfläche; leicht wurden sie vom Sog des Wassers senkrecht nach unten gezogen. Geschah dies, so war es mit einigen Mühen verbunden, sie wieder nach oben zu bringen. Herr Seidel betätigte sich als Steuermann und gab die Kommandos; seine gelegentlichen Zornausbrüche trübten die Freude am Rudersport jedoch etwas. Für unsere Ausfahrten bot die Kieler Förde gute und abwechslungsreiche Möglichkeiten. Allerdings erforderte der starke Schiffsverkehr große Vorsicht. Beim Herannahen eines Schiffes war eine parallele Stellung zur Fahrtrichtung des Schiffes einzunehmen und mit dem Rudern innezuhalten, um so den größten Wellengang abzuwarten. Im Anschluss an die Trainingsstunde hoben wir das Boot wieder aus dem Wasser, spritzten es auf den Vorplatz vor dem Bootshaus mit reichlich Wasser sauber und trugen es wieder hinein.

Unsere Musiklehrerin im 5. und 6. Schuljahr war Fräulein Esau. Sie begleitete unseren Gesang am Klavier oder mit ihrer Geige, die sich – wie ihre Singstimme - jedoch sehr "kratzig" anhörte. Herr Hinrichsen bot uns hingegen ab dem 7. Schuljahr einen ausgezeichneten Musikunterricht. Er beherrschte zahlreiche Instrumente (Klavier, Gitarre, Cello, Tuba) und verfügte auch über eine sehr gute Singstimme. So trug er uns einmal am Flügel im Musiksaal das Lied "Prinz Eugen, der edle Ritter" von Carl Loewe vor. Das gemeinsame Singen aus dem blau eingebundenen "Liederbuch für Schleswig-Holstein" machte mir eigentlich nicht so viel Freude, obgleich ich bis zum Stimmbruch zum Mitwirken im Schulchor aufgefordert wurde. Höchst interessant waren dagegen die Unterrichtsstunden, in denen es um die Grundelemente der Kompositionslehre, Musikgeschichte und eine erste Hinführung zu bedeutenden Werken der klassischen Musik ging. Die erste Oper, mit der uns Herr Hinrichsen (anhand von Schallplattenaufnahmen) eingehend vertraut machte, war "Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing. Später folgte "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber. Auf großes Interesse stießen bei mir auch die Erläuterungen zum Thema "Programmmusik", als berühmte sinfonische Dichtungen wie etwa "Till Eulenspiegels lustige Streiche" von Richard Strauss oder "Finnlandia" von Jean Sibelius behandelt wurden. In diesen Stunden zeigte sich Herr Hinrichsen als wahrer Musikkenner und –liebhaber. Einen besonderen Höhepunkt bildete der gemeinsame Besuch einer Generalprobe des Kieler Philharmonischen Orchesters im Konzertsaal des Schlosses am 4. November 1968, bei der eine Sinfonie von Gustav Mahler einstudiert wurde. Die klassische Musik stieß aber nicht bei allen Klassenkameraden auf Gegenliebe. Gab es Disziplinschwierigkeiten oder wurde zu viel gelacht, dann konnte es geschehen, dass Herr Hinrichsen sofort den Schallplattenspieler ausschaltete und zu trockenerem Stoff oder zum gemeinsamen Singen wechselte. Rückblickend kann ich sagen, dass durch diese Stunden mein Interesse für die Werke der klassischen Musik geweckt wurde und mich zu einem häufigen Theater- und Konzertbesucher werden ließen.

Nachdem ich im Jugendblasorchester "Concordia" das Trompetespiel erlernt hatte, durfte ich zusammen mit meinem Klassenkameraden Uwe Kollakowski in dem kleinen Blasorchester der Friedrich-Junge-Schule mitwirken, das von Herrn Hinrichsen geleitet wurde, der darin selbst Tuba spielte. Außer Uwe und mir spielten in diesem Orchester Klaus Saket (Flügelhorn), Eberhard Struck (Trompete), Hans-Joachim Schnoor (Klarinette), Karin Kemming (Klarinette), Hartmut Lindner (Waldhorn) und Rolf Schramm (Tenorhorn). Übungsstunde war regelmäßig am Mittwochnachmittag von 15.30 bis 17 Uhr im großen Musiksaal. Für dieses Engagement wurde als Belohnung sogar unsere Zeugnisnote im Fach Musik stets um eine Note heraufgesetzt. Unsere Einsätze bestanden zumeist in der musikalischen Umrahmung von Schulentlassungsfeiern, einigen Schulkonzerten (z.B. am "Tag der Hausmusik" am 22. November) sowie der Mitgestaltung des Gottesdienstes zum Reformationsfest am 31. Oktober in der Vizelin-Kirche (Harmsstraße), dessen Besuch damals für alle Schüler unserer Schule Pflicht war. Zuweilen spielten wir auch in einem Altenheim oder auf einer Tagung von Musiklehrern. Damals fand überdies zum Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni eine Schulfeier in der großen Turnhalle statt - mit nationalbetonten Liedbeiträgen ("Ich hab’ mich ergeben", "Freiheit, die ich meine", "Flamme empor", Deutschlandlied) des Schulchors und Mitwirkung des Blasorchesters sowie einer Ansprache des Rektors, nachdem die Bedeutung dieses Nationalfeiertages zuvor im Unterricht erläutert worden war.

Einige Male schwänzte ich die Übungsstunde unseres Schulorchesters und blieb unentschuldigt fern. Herr Hinrichsen konnte dies gar nicht leiden und machte in der nächsten Deutschstunde (er war auch unser Deutschlehrer) ironische Bemerkungen deswegen. Einmal, als ich nach vorn kommen sollte, um ein Gedicht vorzutragen, sagte er zu mir: "Vielen Dank für Deine Entschuldigung". Ich war daraufhin so erschrocken, dass ich nicht mehr in der Lage war, das Gedicht aufzusagen und musste mich wieder hinsetzen.

Der Deutschunterricht bei Herrn Hinrichsen war ebenfalls auf einem hohen Niveau, besonders als es an die ersten Lektüren ging. Als Erstes lasen wir Theodor Storms Novelle "Pole Poppenspäler". Weiteres folgte. Manchmal konnte Herr Hinrichsen auch etwas eigensinnig sein, etwa wenn ihn Schüler während eines Diktats baten: "Können Sie den letzten Satz noch einmal vorlesen?". Hierauf antwortete er: "Ich kann, aber ich will nicht". Was ihn während der Deutschstunden sehr irritierte und verärgerte, war das beständige Kichern einiger Schülerinnen, dessen Ursache nicht zu ermitteln war und wohl nur aus Albernheit geschah.

Während des 9. Schuljahres wurde mein Interesse für das Fach Geschichte geweckt. Dies bewirkte ein junger Lehrer, Herr Grönke, der neu an die Schule kam und in unserer Klasse Geschichte und Religion unterrichtete. Er machte gleich in der ersten Stunde klar, dass er mit uns auf einer kameradschaftlichen oder kollegialen Ebene verkehren wolle und nicht im Sinn hatte, etwa jemanden anzuschreien oder zu bestrafen, wenn es mit der Disziplin nicht klappte. Mit dieser "weichen" Linie kam er aber bei den meisten Schülern nicht so gut an. Seine Art, Geschichte zu unterrichten (wir behandelten das 19. und 20. Jahrhundert), war ganz anders, als wie wir es bisher gewöhnt waren, man kam sich wie ein Erwachsener dabei vor und wurde zum Mitdenken angeregt. Leider verließ Herr Grönke, von dem ich in beiden Fächern eine "1" erhielt, die Schule nach einem Schuljahr wieder, weil er einen Ruf nach Breklum erhalten hatte. Den Geschichtsunterricht in der zehnten Klasse übernahm dann der neue Rektor Klaus Hupp.

Zu Beginn des 10. Schuljahres (1968/69) bot uns Herr Andresen in einem eigens dafür hergerichteten Kellerraum des Hauptgebäudes nachmittags einen Tanz-Kreis an. Es ging dort nicht so zu wie in einer Tanzschule, sondern wir tanzten meist nach modernen Rhythmen, weshalb dieser Kellerraum auch "Beat-Keller" genannt wurde. Mehrmals gab es dort außerdem eine abendliche Tanz-Party und sogar ein Kostümfest im "Heim der offenen Tür" in der Kirchhofallee. Die Sache machte viel Spaß.

Im Schuljahr 1968/69 trat eine Änderung der Unterrichtsorganisation ein, über die ein Informationsbrief an die Eltern der 9. und 10. Klassen vom 10. September 1968 Näheres ausführte. In den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik sollte "versuchsweise" eine Aufgliederung in Kernunterricht (im Klassenverband) und drei klassenübergreifende Leistungsgruppen (A-, B- und C-Kurs) erfolgen. Hierdurch sollten schwächere Schüler besser gefördert und zusätzliche Anreize für begabte Schüler gegeben werden. Außerdem wurden in den anderen Fächern insgesamt 10 Wahlpflichtkurse angeboten, die nach einem Drittel des Schuljahres endeten und dann erneut gewählt werden konnten. Die von Herrn Hupp angebotene Arbeitsgemeinschaft zur Politischen Bildung interessierte mich und einige andere Klassenkameraden sehr und weckte unsere Diskussionslust. Zu dieser Zeit wurde außerdem erstmals der Versuch eines "Sexualkundeunterrichts" gemacht.

Wilfried Lagler 1969 (16-jährig)

 

Höhepunkte des 10. Schuljahres waren zwei Klassenfahrten. Die erste Fahrt führte uns unter der Leitung unseres Klassenlehrers, Herrn Seidel, vom 7. bis 17. September 1968 nach St. Andreasberg im Harz. Von Kiel fuhren wir mit der Bahn nach Goslar, von dort weiter mit dem Bus nach St. Andreasberg in das im Mai 1960 eingeweihte "Bergschulheim der Stadt Kiel" (heute ist es modernisiert und erweitert unter dem Namen "Mindener Hütte"). Neben Besichtigungen (Goslar, Okertalsperre, Stabkirche in Hahnenklee-Bockswiese) unternahmen wir fast jeden Tag zwei Halbtageswanderungen (Rehberg, Wurmberg, Achtermann) oder eine Tageswanderung mit Proviant. Besonders abenteuerlich war eine Nachtwanderung, bei der Fünfer-Gruppen, die mit Taschenlampen versehen waren, im stockfinsteren Wald getrennt voneinander wieder den Weg zum Ausgangspunkt zu finden hatten. Meine Gruppe verlief sich dabei hoffnungslos und kam erst sehr spät und recht erschöpft am Ziel an. Auch eine Südharz-Rundfahrt mit dem Bus (Bad Lauterberg, Falknerei in Bad Sachsa, Kloster Walkenried, Zonengrenze bei Hohegeiß) stand auf dem Programm. Leider war es, wie so oft im Harz um diese Jahreszeit, vormittags neblig. Abends dauerte es meist sehr lange, bis auf den Zimmern Ruhe einkehrte. Meist kamen noch "Besucher" aus den Nachbarzimmern, um uns Streiche zu spielen. Einmal stellten wir die Zimmertür deswegen mit Mobilar zu. Als Herr Seidel nach uns sehen wollte, konnte er die Tür nicht öffnen und war sehr verärgert darüber. Im Bergschulheim trafen wir auf eine Schulklasse aus der Gustav-Friedrich-Meyer-Schule in Kiel-Gaarden, mit der wir uns nach einigen Tanzabenden gut verstanden. Mit einigen dieser Schülerinnen und Schülern hatten wir auch nach der Klassenfahrt noch Kontakt und besuchten uns gegenseitig beim Klassenfest. Der Gaardener Lehrer, Herr Lamprecht, hatte die Angewohnheit, morgens mit einigen Schülerinnen der Gesundheit wegen barfuß durch das nasse Gras zu laufen. Einige Male schloss ich mich an. Er hielt uns auch einen Dia-Vortrag über eine Urlaubsreise nach Alaska; abends am Lagerfeuer spielte er auf der Gitarre. Aufregend wurde es, als er eines Tages eine Thrombose im Bein bekam und sich zunächst keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen wollte.

Vom 4. bis 14. Mai 1969 unternahmen die beiden Klassen 10 b und 10 c unter der Leitung von Herrn Hupp und Herrn Wollschläger, dem späteren Stadtrat, eine gemeinsame Klassenfahrt nach Köln, Bonn und das Rheinland. An dieser Fahrt nahmen insgesamt 51 Schüler (!) teil. Die Fahrt begann am Sonntag, dem 4. Mai, um 21.40 Uhr auf dem Kieler Hauptbahnhof. Der D 692 brachte uns zunächst nach Köln, wo wir am nächsten Morgen um 6 Uhr eintrafen. Nach einem Frühstück und Spaziergang entlang des Rheinufers besichtigten wir den Kölner Dom und das Römisch-Germanische Museum. Um 13.30 Uhr fuhren wir mit dem Zug weiter nach Bonn, wo ein Besuch beim Bundesrat auf dem Programm stand. Leider konnten wir keine Sitzung dieses Gremiums miterleben, aber wir durften im Sitzungssaal auf den Plätzen der Ländervertreter sitzen, während uns ein Mitarbeiter des Bundesrates mit Informationen versorgte. Mit der Bahn ging es dann zur Jugendherberge in Linz/Rhein. Am darauf folgenden Morgen fuhren wir mit dem Zug weiter nach Koblenz, um in der Jugendherberge auf der Festung Ehrenbreitstein Quartier zu beziehen. Diese monumentale Festungsanlage mit ihren meterdicken Mauern, die man in den Zimmern an den tiefen Fensteröffnungen sehr gut sehen konnte, hat uns sehr beeindruckt, auch die schöne Aussicht auf Koblenz und das "Deutsche Eck". Am Nachmittag stand eine Fahrt nach Braubach und die Besichtigung der sehr gut restaurierten Marksburg auf dem Programm. Für Mittwoch, den 7. Mai, war eine Ganztagswanderung durch den Hunsrück nach Winningen/Mosel vorgesehen. Tags darauf verließen wir den Ehrenbreitstein und unternahmen eine sehr schöne Schiffsfahrt auf dem Rhein bis nach Bingen, unterbrochen von einem Aufenthalt in St. Goarshausen und dem Aufstieg zum Loreley-Felsen. Mit uns fuhr eine Schulklasse aus Dülmen/Westf., die ebenfalls auf dem Ehrenbreitstein übernachtet hatte. Fünf Übernachtungen waren für die moderne Jugendherberge in Bingerbrück eingeplant. Von hier aus unternahmen wir Halbtagesausflüge in das Nahetal (Bad Münster am Stein, Wanderung nach Bad Kreuznach), Bacharach (mit Spaziergang zur Burg Stahleck), Rüdesheim (mit Besichtigung der Weinbrennerei Asbach und Co., in der es sehr stark "duftete", Wanderung über die Ruine Ehrenfels nach Assmannshausen, Aufstieg zum Niederwalddenkmal sowie einem bunten Abend mit Tanz). Am letzten Tag fuhren wir mit der Bahn nach Frankfurt/M., wo wir das Goethe-Haus und am Nachmittag den Frankfurter Zoo besuchten. Die Rückfahrt nach Kiel geschah mit dem D 75 ab 23.53 Uhr; am nächsten Vormittag um 10.18 Uhr kamen wir wieder in Kiel an.

An diese Klassenfahrt schloss sich die Abschlussprüfung zur Mittleren Reife an, die ich am Samstag, 7. Juni 1969, in Geschichte, von Montag bis Mittwoch 9. bis 11. Juni in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik sowie am Montag, 16. Juni, mit einer mündlichen Abschlussprüfung in Erdkunde absolvierte. Für die Arbeit in Deutsch (fünf Stunden) wurden folgende Themen gestellt: 1. Was hältst Du von der Redensart "Ordnung muss sein"?, 2. Welche Rolle spielt Inspektor Goole in Priestleys Schauspiel "Ein Inspektor kommt"?, 3. Rahmenthema: Rhein (Stimmungsbild). Im Fach Englisch (drei Stunden) wurde eine Nacherzählung ("Federigos Falcon") gefordert. Bei dem Fachaufsatz in dem von mir frei gewählten Prüfungsfach Geschichte (ebenfalls dreistündig) konnte zwischen den folgenden Themen gewählt werden: 1. Deutschland unter der Diktatur Hitlers. Berichte über die Gleichschaltungspolitik und beurteile sie; 2. Hitlers Außenpolitik von 1933-38. Berichte über die einzelnen außenpolitischen Schritte und beurteile ihre Bedeutung; 3. Der Aufbau der Organe der BRD, insbesondere Zusammensetzung und Aufgabe des Bundesrates (fertige Schaubilder an). Letztgenanntes Thema sowie das Stimmungsbild "Rhein" im Fach Deutsch kamen sicher durch unsere Klassenfahrt ins Rheinland zustande.

Der Schulbesuch endete mit dem traditionellen Abschlussfest im "Ballhaus Eichhof" am 20. Juni, das bis 1.30 Uhr dauerte – in den Tanzpausen gab es Darbietungen der 6. und 9. Klassen und des Tanzkreises der Schule. Zu diesem Anlass erschien eine von der R 9 a herausgegebene lustige Festzeitung. Die offizielle Abschlussfeier fand am darauf folgenden Tag im Musiksaal der Schule statt, bei der ich neben dem Abschlusszeugnis einen Buchpreis ("Weltweite Seefahrt" von Joachim G. Leithäuser) erhielt.

Nachdem sich meine schulischen Leistungen, die zunächst eher durchschnittlich waren, in der 9. und 10. Klasse erheblich verbessert hatten und mir ein Lehrberuf nicht so sehr zusagte, trug ich mich mit der Absicht, das Abitur zu machen. Einige wenige Kieler Gymnasien boten hierfür einen vierjährigen Aufbauzug an. Eine andere, nur drei Jahre in Anspruch nehmende Möglichkeit war das Fachabitur am Wirtschaftsgymnasium. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und nahm deshalb im Winter mit einigen anderen Bewerbern aus der Friedrich-Junge-Schule an der Aufnahmeprüfung für das Wirtschaftsgymnasium in der Rankestraße (Städtische Handelslehranstalten am Ravensberg) teil. Zur Anmeldung im Sekretariat dieser Schule am 11. Februar 1969 und zu den Prüfungen fuhr ich mit der Straßenbahnlinie 2, deren Endstation und Wendeschleife sich damals auf einem freien Gelände am Westring/Ecke Olshausenstraße vor dem Universitäts-Hochhaus befand, auf dem noch im gleichen Jahr der Vorplatz für das neue Auditorium Maximum angelegt wurde. Diese Straßenbahn wurde, da sie meist Studenten beförderte, im Volksmund "Genietransporter" genannt. Die recht schwierigen schriftlichen Prüfungen fanden am Freitag, 7. März, ab 15.30 Uhr (Deutsch/Kurze Inhaltsangabe und Deutung einer Kurzgeschichte) und am Samstag, 8. März, ab 8.15 Uhr (Englisch/Nacherzählung und kurze Übersetzung einzelner Sätze; Mathematik mit sechs Aufgaben aus der Algebra und Geometrie) statt. Zu meiner großen Freude bestand ich diese Aufnahmeprüfung und konnte zusammen mit einer Mitschülerin aus der Parallelklasse meine schulische Laufbahn nach den Sommerferien am 11. August 1969 am Ravensberg in der Obersekunda fortsetzen.


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